Muslimisch-katholisches Seelsorgerinnentreffen

Erstmals haben sich am Wochenende in Wien muslimische Seelsorgerinnen und katholische Ordensfrauen zu einem interreligiösen Austausch getroffen. Diskutiert wurde unter anderem die Stellung der Frau in männerdominierten Religionen.

Es war das erste Treffen dieser Art in Wien. Rund zwanzig muslimische Seelsorgerinnen und zwanzig katholische Ordensfrauen pflegten am Samstag einen Tag lang den gegenseitigen Austausch. Ihr Ziel war es, mehr über die jeweils andere Religion zu erfahren.

Muslimisch-katholisches Seelsorgerinnentreffen in Wien

ORF / Marcus Marschalek

Rund 20 muslimische Seelsorgerinnen und etwa gleich viele katholische Ordensschwestern war zu der interreligiösen Begegnung in Wien gekommen.

Als Tagungsort haben die katholischen Steyler Missionsschwestern ihr Kloster in der Alxingergasse in Wien Favoriten angeboten. Inhaltlich waren die Themen weit gestreut. Diskutiert wurde etwa über „Blasphemie“, die „Stellung der Frau in von Männern dominierten Religionen“ und es wurde viel über den Alltag der jeweiligen Seelsorgerinnen berichtet.

Begegnungen auf persönlicher Ebene

Sr. Felexine Kofler gehört bereits zu den Seniorinnen der Styler Missionsschwestern. Sie ist aber nach wie vor aktiv in der Altenpastoral tätig und schon neugierig auf die muslimischen Frauen, erzählt sie gegenüber religion.ORF.at im Vorfeld der Tagung.

Muslimisch-katholisches Seelsorgerinnentreffen in WienORF / Marcus Marschalek

Sr. Felexine Kofler ist Styler Missionsschwester und eine der Teilnehmerinnen der ersten Begegnung zwischen muslimischen und katholischen Seelsorgerinnen in Wien.

Wie können wir gut unseren Glauben weiter geben? Diese Frage eint uns!

Dass es im Islam so etwas wie „Seelsorgerinnen“ überhaupt gibt, war ihr bis zur Tagung unbekannt. Die gebürtige Südtirolerin war für ihren Orden als Missionsschwester in vielen Ländern unterwegs und lebt jetzt in der Schwesterngemeinschaft im Wiener Dreifaltigkeitskloster. „Wer fremd ist, über den reden die Leute und den teilen Personen oft in allgemeine Schablonen ein“, genau das möchte sie nicht, sagt Sr. Felexine Kofler und hofft auf viele persönliche Begegnungen bei dem Treffen.

Frauen in „Männerreligionen“

Auch auf muslimischer Seite waren die Erwartungen an das Zusammenkommen bereits im Vorfeld sehr groß. Fragen an die Klosterschwestern wurden vorbereitet, erzählt Mitorganisatorin Fatma Akyildiz. Die gebürtige Deutsche mit türkischen Wurzeln ist islamische Religionslehrerin und hat sieben Jahre in Istanbul studiert. Sie ist davon überzeugt, dass das Bild des Islams im Westen wesentlich geprägt wird von der Sichtweise auf die Stellung der Frau.

Das sei eine Herausforderung gerade für die moderne europäische Muslimin, die sich in den gängigen Klischees von der „rechtlosen“ muslimischen Frau nicht wieder finden kann. Seit zwanzig Jahren lebt sie nun schon in Österreich und möchte aufzeigen, dass soziale, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Benachteiligungen selten religiöse Wurzeln haben. „Im Gegenteil: Der Koran stellt Frau und Mann auf eine Ebene. Dem der recht handelt – sei es Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen“, zitiert Fatma Akyildiz die 16. Sure aus dem Koran.

Thema Blasphemie

Nach einer kurzen Vorstellrunde haben die Frauen für den Vormittag das Thema: „Religiöse Empfindlichkeiten aus islamischer und katholischer Sicht“ gewählt. „Wo ist die Grenze der Meinungsfreiheit?“

Muslimisch-katholisches Seelsorgerinnentreffen in WienORF / Marcus Marschalek

Fatma Akyildiz ist Mitorganisatorin des Treffens.

Im Islam sind oft Frauen die Lehrmeisterinnen von Männern. Männer und Frauen sind gleichwertig im Islam. Es gibt viele Verse die im Koran darauf hinweisen.

„Wo beginnt Blasphemie?“ Dürfen religiöse Gefühle die Meinungsfreiheit einschränken?“ Eine Fülle von Fragen, denen sich die Seelsorgerinnen stellen wollen. Konkreter Anlassfall ist der verhetzende und medial sehr präsente Film eines amerikanischen Filmemachers über den Propheten Mohammed. Mehr dazu in:Mohammed-Film: Gewalt und Vernunft. Für die muslimischen Frauen in der Runde ist klar, dass man so einen Film nicht unkommentiert stehen lassen darf.

Eine mögliche filmische Antwort wird im Plenum präsentiert. Ausschnitte aus einem „anderen“ Mohammed Film, der sich an historischen Tatsachen orientiert, das Leben des Propheten erzählt und viele Suren aus dem Koran zitiert. „Sehr interessant, wie ähnlich sich unserer Religionen sind“, hört man viele Ordensfrauen danach sagen.

Ein Gott

Mit dem Kompass wird zu Mittag die Gebetsrichtung für die muslimischen Frauen festgestellt. Gebetsteppiche werden ausgerollt und die Frauen gehen zur rituellen Waschung. Inzwischen erklärt Fatma Akyildiz den katholischen Ordensschwestern das islamische Mittagsgebet und dass sie als Frau, wenn keine Männer anwesend sind, als Imamin dem Gebet vorstehe. Im Anschluss daran singen die Katholikinnen dem „Engel des Herrn“, ihr Mittagsgebet. Später beten die Katholikinnen und Musliminnen dann sogar gemeinsam einen Psalm in der Klosterkirche. Theologische Diskussionen über das christliche Verständnis der Dreifaltigkeit werden ausgelassen. Es sei ein Gott, an den man sich im Gebet wendet, so die allgemeine Überzeugung der Anwesenden.

Muslimisch-katholisches Seelsorgerinnentreffen in WienORF / Marcus Marschalek

Gemeinsames Diskutieren, Beten und einander kennenlernen stehen im Mittelpunkt des Treffens.

Orientalische Düfte im Wiener Kloster

Orientalische Düfte durchströmen den Raum. Shish-Kebab, Humus, Ezme Salat machen die Mittagspause zu einem kulinarischen Streifzug durch den nahen Osten. Jetzt gibt es viele Möglichkeiten persönlich miteinander ins Gespräch zu kommen, eine Gelegenheit die einige weitere Gemeinsamkeiten entdecken lässt. „Wir wissen leider immer noch viel zuwenig von einander“, erzählt Fatma Akyildiz im Gespräch mit religion.ORF.at. Hier werden wir neugierig auf die anderen, betonen einige Musliminnen und wollen unbedingt eine Klosterführung und mehr über den Alltag der katholischen Klosterschwestern erfahren. Kurzerhand wird das Programm geändert und die Gruppe beginnt einen Rundgang durchs Kloster.

Kopftuch und Schleier

Bibliothek, Klostergarten, Kapelle und die Zimmer der Styler Missionsschwestern werden besichtigt. Fünf Ordensschwestern der Tagungsteilnehmerinnen sind hier zu Hause und stellen ihren Konvent vor. Zwei von ihnen tragen Ordenstracht mit Kopftuch, drei sind in ziviler Kleidung unterwegs. Die Musliminnen wollen genau wissen, wie es die Ordensschwestern, der hier versammelten Gemeinschaften, mit Kopftuch und Schleier halten. Es sei Tradition und nicht Vorschrift, antworten die Schwestern. Fast in allen Ordensgemeinschaften sei es mittlerweile den Frauen freigestellt selbst darüber zu entscheiden.

Fortsetzung folgt

Zurück im Tagungssaal stellen die katholischen und muslimischen Seelsorgerinnen fest, dass es noch vieles gibt, auf das sie gegenseitig neugierig sind. Weitere Besuche werden vereinbart. So möchte Fatma Akyildiz schon demnächst Sr. Felexine Kofler bei ihrer Arbeit mit Seniorinnen und Senioren besuchen und die katholische Ordensschwester hat schon einen Termin für einen Besuch in der Moscheegemeinde am kommenden Sonntag fixiert.

Marcus Marschalek, religion.ORF.at

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